Das Produkt Tier und der Vermarktungszyklus

Inzwischen ist man ein paar Jahre in der Vivaristik dabei und hat das Auf und Ab von Varianten, Arten und "Züchtern" schon massenhaft miterlebt. Irgendwann beschleicht einen doch ein ungutes Gefühl: Muss das so? Schadet es dem einzelen Tier nicht? Schadet es dem Hobby nicht? Wie kann vernünftige Zucht funktionieren, wenn ein "Züchter" nur 1-2 Jahre praktiziert? Wo bleibt das Tier dabei und warum handeln Terrarianer&Co. so?

 

Auf den ersten Blick sichtbar ist für jeden, der sich näher mit der Materie beschäftigt, wie oft Tiere wieder abgegeben, weitergereicht aber auch zugekauft werden. Wir sprechen dabei nicht nur von Reptilien, Welsen oder Vögeln mit extrem hoher Lebenserwartung sondern von Nattern, Nager und anderen Heimtieren die eine mittlere bis geringe Lebenserwartung haben.

 

Um das Ganze zu verstehen muss man sich zu aller erst verdeutlichen wie so ein Zyklus abläuft:

 

 

Der "Züchter":


Ist eigentlich ein Halter. Die erste Motivation sich ein Tier zu kaufen ist aus der Begeisterung für das Tierentsprungen. Sammlerwert und Nachzuchterfolge spielen noch keine Rolle. Das klassische Opfer für die "Züchter"-Rolle informiert sich viel im Internet, gehört zum Mittelstand und ist auf der suche nach einem neuem Hobby.

 

Das erste Tier wird ausgesucht und gekauft nachdem sich informiert wurde (in beliebiger Reihenfolge). Danach entsprechend der momentan im Internet unter "artgerecht" vorherrschenden Vorschriften untergebracht. 

Durch Kontakt mit diesen Personenkreis im Internet, aber auch dem dabei unumgänglichen Lesen und sehen von "Kleinanzeigen", Händlerseiten und "Tier-und-Nachzuchten-rumzeige-Themen" wird ein Bedürfnis geweckt. Nach mehr Tieren, nach selteneren Farben, nach den eigenen Nachzuchten, nach Statussimbolen.

Von dem wechselnden, aber zu dem jeweiligen Zeitpunkt aktiven Mitgliedern dieser Online-Einrichtungen wird vermittelt, dass es "ganz normal" währe zu züchten. Quasi ein muss ist. Liebhaber findet man dort kaum.

 

Auf das nächste Tier folgt das Übernächste, darauf das Nächste usw. In den ersten 1-4 Jahren (je nachdem in welchem Alter die erwählte Art das erste mal Fortpflanzungsfähig ist) bauen sich enorme Bestände von teilweise sehr langlebigen Arten auf. Ganz schnell wird auch die Haltung und die Tierarztkosten auf ein mögliches Minimum reduziert.

In vielen Fällen werden in diesem Stadium schon Zuchtpläne wieder überworfen, abgeändert, Tiere verkauft - die teilweise nur wenige Wochen im Bestand waren, usw. Bständig, und häufig überstürzt und ohne die nötige Sorgfalt bei der Zuchttierauswahl walten zu lassen, werden immer neue Tiere hinzu gekauft.


Nun steht die erste Vermehrung an. Anfangs ist die Motivation groß. Schlupf/Geburt und Aufzucht sind spannend. Aber schon bei der Aufzucht wird oft bewusst wie langweilig, wenig spektakulär, ekelig, kostenintensiv und lohnenswert die Zuchtarbeit doch ist. Dann geht es an die Abgabe der Nachzuchten . Oft behalten diese "Züchter" kein oder nur emotional motiviert Tiere zurück, die Linie wird eh nicht fort gesetzt.

Welch große Überraschung: Es will sie keiner, Reservierungen platzen und es sind unglaubliche Mühen nötig um überhaupt Abnehmer zu finden. Spätestens jetzt verschwinden bei dem Letzten die Dollarzeichen in den Augen. Man sitzt plötzlich auf einem Berg Nachzuchten. Was passiert? Man geht mit dem Preis runter.

Das wäre kein Problem, würden nicht deutschlandweit 30-40 Vermehrer mit dem gleichen Anspruch in der selben Position stehen und genau so handeln. Jedes Jahr truddelnde Preise, gegen die der seriöse Züchter schwer ankämpfen muss und die auch im Augen der Abnehmer den Tierwert massiv schmälern. Gleichzetig wirken diese niedrigen Preise auf die nächste Generation One-Way-Züchter an.

Der Verkäufer mit seiner 1. Generation-Nachzuchten hat jetzt alles gesehen. Die Tiere nerven. Es lässt sich kein Geld damit verdienen und weil man in letzter Zeit so viele Tiere gekauft und Zeit im Internet verbracht hat ist weder Geld noch Zeit für den Sommerurlaub da. Mist. Nun gibt es zwei Arten von One-Way-Züchtern:

  • Die einen lösen jetzt ihren Bestand auf. Man findet die klassischen Anzeigen mit massig älteren und NZ Tieren aller Farben und Altersklassen für relativ wenig Geld.
  • Die anderen geben die niedrigpreisigen Tiere ab und wenden sich momentan noch höherpreisigen Tierarten zu mit denen sie anschließend in der Regel in die gleiche Spirale geraten.

Beide Arten Enden am Schluss ihrer Viavraianer-Karrieere mit wenigen Liebhabertieren oder bei einem ganz anderem Hobby.

 

Nachteile der ganzen Aktion:

  • Viel Tierleid produziert
  • schlechte Qualität der Nachzucht, die ganze Population leidet.
  • Übersättigung des  Marktes mit qualitativ schlechten Tieren.
  • Weitere Ausbreitung dieser Praxis wird unterstützt.
  • der betroffene hat sehr viel Geld investiert und in der Regel zum Fenster hinausgeworfen.

Vorteile:

  • besonders die ausländische Tier-, Futter- und Zubehörindustrie verdient sich eine goldene Nase. Sie sind es, die den Markt steuern und bewusst Morphenpreise steuern und Bedürfnisse wecken.

 


Die "Art"/"Morph":


Plötzlich taucht sie auf. Wahrscheinlich in deiner Lieblingscommunity. Alle finden sie toll, sie ist extrem schwer zu bekommen und jeder will sie: Die neue Zuchtform oder Art.

Meist ist ein großer profitorientierter Züchter im Besitzt des Stammes. Die Optik und Eignung der Tiere als Haustiere würde jeder Normalsterbliche als fragwürdig bezeichnen, aber sie ist "IN". Man braucht sie unbedingt und was man damit alles züchterisch anstellen kann.... (sprich Geld verdienen möchte).

 

Diese Großzüchter geben merkwürdigerweise nur wenige Tiere ab. Die Preise sind enorm. Trotzdem werden Bilder und Eigenschaften überall gestreut. An der "Neuen" ist nicht mehr vorbei zu kommen. Der Preis ist exorbitant aber wer nur irgendwie kann schafft sich ein Tier an.

Nach und nach besitzen immer mehr Menschen die "Neue". Mehr Menschen sehen sie, mehr wollen sie. Evtl. sind schon erste Nachzuchten oder Trägertiere verfügbar. Selbstverständlich zu einem vernünftigerem Preis.

Man kann sich die "Neue" jetzt leisten. in den Beständen wird sie häufiger, viele Züchten mit ihr. Selbstverständlich möglichst schnell und mit wenig Zuchttierauswahl (siehe "der "Züchter") - es muss ja schnell gehen, man will das Geld und möglichst der Erste bei allem sein, was Neu ist.


Die Preise purzeln. Langsam aber sicher übersteigt das Angebot die Nachfrage. Die "Neue" wird uninteressant. Man hat schon alles mit ihr gesehen, die nachteile werden klar und Geld kann man damit nun auch nicht mehr machen. Außerdem: Wer will schon eine Art/Moprh die Mainstream ist? Die kann noch so gute Eigenschaften haben und wunderschön sein. Wenn mein Nachbar die schon hat, dann brauch ich was krasseres. Großzüchter arbeiten nicht mehr mit der Art. Gott sei Dank ist die "neue Neue" schon auf dem Markt....

Planlose Zucht hat zu kleineren, typarmen, schlecht gefärbrten und oft kranken Tieren geführt. Das Interesse an der "Neuen" erlischt. Nur wenige echte Züchter und Liebhaber beschäftigen sich noch mit den Tieren und pflegen und züchten sie langfristig und mit hohem Qualitätsanspruch. Sie fristet nun ein Randdasein.


Und was kannst Du und was kann ich jetzt machen?

 

Überlegt euch die Anschaffung eines Tieres wirklich gut. Bei jedem Tier was ins Haus kommt - nicht nur bei Hund oder Katze sollte man sich die Frage stellen:

  • Möchte und kann ich sein ganzes Leben lang für das Tier Verantwortung übernehmen und es selbst halten und Pflegen?
  • Bin ich mir der langfristigen Kosten bewusst?
  • Warum möchte ich dieses Tier eigentlich wirklich?

 

Bei Zuchtüberlegungen sollte das ganze noch weiter gehen:

  • Bin ich mir bewusst, dass Zucht eine langfristige Angelegenheit ist? Echte Tierzucht hat ein Zuchtziel und ist eine langwierige Angelegenheit die mehr als ein paar Jahre betrieben werden sollte um die Art weiter zu bringen.
  • Bin ich mir bewusst was an Einschränkungen, Arbeit und Zeit auf mich zu kommt?
  • Bin ich bereit mir das nötige Wissen anzueignen, mich ständig weiter zu entwickeln und nicht nur den vermeintlichen kurzfristigen Gewinn im Auge zu haben?
  • Kann ich die Belastung überhaupt stemmen oder wird es mir neben Beruf und Familie vielleicht doch schnell zu viel?

 

Und natürlich sind wir alle aufgerufen die Einstellung zum Tier auf hohem Niveau zu bewerben. Sie sind keine Sammlerstücke, keine Wegwerfartikel und Zucht ist nicht das passende Hobby für jedermann. Wecken wir doch ein Bewusstsein in unserem Tierhalter und Züchterumfeld für einen bewussteren und differenzierteren Umgang mit meinem und deinem Haustier - und steigern wir dessen (Lebens-)Qualität.

 

Es ist kein Wunder, dass dieses Fehlverhalten schon fragwürdigen Tierrechtsorganisationen aufgefallen ist, die es gekonnt für ihre Zwecke benutzen. Spielt ihnen nicht noch mehr zu. Beratet Tierinteressierte gut und liebevoll. Wählt eure Abnehmer gut aus und lebt doch einfach vorwie Tierhaltung und Zucht wirklich geht.


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Kommentare: 1
  • #1

    goemi (Sonntag, 12 April 2015 14:57)

    Tolle Zusammenfassung zu diesem Thema Sarah! Du sprichst mir aus der Seele.

    Mit besten Grüßen
    Jutta