Verkauf von Tieren auf Börsen. Stand der Dinge und Verbesserungsvorschläge.

In der Terraristik, genau wie in der Aquaristik und der Nagerhaltung ganz normal: Der Kauf und Verkauf von Tieren auf Börsen. Das und die Börse drumherum haben einige unschlagbare Vorteile für den Käufer:

  • große Auswahl an Tieren, Farbvarianten, Zubehör und Arten
  • Kontakt zu vielen Gleichgesinnten
  • ein großer Erlebnisfaktor - besonders auf großen Börsen wie der Terraristika Hamm

Aber auch die Nachtzeile für den Käufer sind nicht von der Hand zu weisen:

  • ohne Kenntnis der Szene ist es fast nicht möglich seriöse von unseriösen Verkäufern zu unterscheiden
  • großer Kaufanreiz
  • oft mangelhafte Beratung und schlechter Zustand der Tiere mit entsprechend hoher Ausfallquote und Folgekosten
  • enge Gänge, Massen von Menschen und teilweise schlechte Behandlung der Besucher durch das Börsenpersonal sind eher die Regel als die Ausnahme.


Was aber viel wichtiger ist. Was bedeutet der Handel auf Börsen für das angebotene Tier?

 

Es beginnt beim Züchter. Die Tiere wurden zeitlich optimal auf die Börse abgestimmt verpaart und aufgezogen. Nattergelege müssen in DEU zur Herbstbörse in Hamm verkaufsbereit sein. Individualität Fehlanzeige. Was passiert mit eigentlich gesunden Tieren, die durchs Raster fallen?

Die Tische müssen voll und bunt sein. Das begünstigt große Händler und Züchter, meist aus dem Ausland, die Regelrechte Tierzuchtfarmen betreiben und durchs Land von Börse zu Börse fahren. Das bedeutet jedes Wochenende ein oder zwei Börsen, Übernachtungen im (nicht für Exoten klimatisiertem) Auto, ausharren in Transport und Ausstellungsboxen. Oft tagelang ohne Wasser und in großer Enge.
Dazu kommen viele Tiere bei denen es sich um nicht deklarierte Wildfänge handelt oder sogenannte Farmnachzuchten (im Herkunftsland werden trächtige Weibchen eingefangen und nach der Eiablage/Geburt wieder in die Freiheit entlassen. Ihre Nachkommen werden aufgezogen und kommen teilweise sehr preiswert auf den Heimtiermarkt), die langen Transportwege und teilweise schlechten Bedingungen kann man sich in Dokumentationen wie dieser angucken: http://youtu.be/ctZZ2Lqytt8

 

Die Börse selbst. Viele Veranstalter geben sich Mühe das Tierschutzgesetz und Auflagen umzusetzen. Trotzdem sieht man kaum einen Aussteller mit einer Möglichkeit zur Wasseraufnahme für seine oft tropischen Tiere. Ähnlich sieht es mit dem vorgeschriebenen Versteck aus. Für Futternager sowieso kein Thema. Aber auch bei extrem hochpreisigen Königspythons in der Regel: Fehlanzeige. Lieber werden die Tiere in sogenannte Verkaufsdisplays ausgestellt. Plastikboxen in die die Tiere gerade so hineinpassen und teilweise zu zweit sitzen.
Viele Tiere werden von Börse zu Börse mitgenommen nur um sie zu zeigen und einen Verkaufsanreiz für Projkettiere zu bieten oder potentielle Kunden an den Tisch zu locken. Was für eine Belastung das für das jeweilige Tier bedeutet spielt scheinbar keine Rolle.

Auch unter dem Tisch findet man viele Tiere, oft reservierte oder von der oft kuriosen Börsenordnung untersagte Tiere (zB. Dumboratten). Bei einigen Händlern aus dem Ausland nimmt das unglaubliche Ausmaßen an. Kisten voll Riesenschlangen in Boxen hinter dem Verkaufsstand. Dort stehen sie möglicherweise den ganzen Tag. Nicht nach Börsenrichtlinien versorgt. Ohne Wasser. Und werden auf der Suche nach Reservierten hin und her geschuppt.

In sommerliche Temperaturen und enge Gänge mit vielen Menschen die ungewollt an Tische gepresst und geschoben werden, Vibrationen durch massenhaft vorbei gehender Menschen und der Lärm der dabei erzeugt wird entstehen für viele Tiere unhaltbare Zustände. Wenige Tiere versterben auf der Börse aber viele schlicht und einfach in Folge des Stresses beim neuen Besitzer. 2011 starben nach der Herbstbörse beim neuem Besitzer im meinen Bekanntenkreis innerhalb 24h nach der Börse sechs Schlangen und mindestens genau so viele Farbmäuse, keine größere Börse vergeht nach der nicht ein Neuzugang überraschend verstirbt - meist sogar mehr.

Oft kommt es zu Spontankäufen oder zu Käufen bei unbekannten Verkäufern. Mit der Folge, dass Halter schlecht oder gar nicht über die Bedürfnisse ihres Neuerwerbs informiert werden. Oft stimmen weder Angaben über Alter noch über Farbe, Geschlecht, Art, Herkunft (bei Chondros zB. ist die Gefahr einen illegalen WF zu erwerben sehr hoch) oder Gesundheitszustand. Was viel zu oft Folgen für den gesunden Bestand hat, den der Käufer schon Zuhause im Wohnzimmer hat.

 

Weiterhin nehmen viele Anbieter Tiere besserem Wissens aus ihren Boxen um sie vor zu führen oder begutachten zu lassen. Viele lassen Boxen von den Tischen nehmen und hin und her schwenken lassen, damit man den Bewohner besser sehen kann, Ratten werden aus ihren Boxen geholt und bei Fremden Personen auf die Schulter gesetzt. Wen wundert es da, dass sogenannte "Tierschutzorganisationen" sich erzürnen?


Dazu kommen gerade auf Börsen unterirdische Preise für Tiere (jede Farbmaus 1€, 10 Red Fire für 3€, Kornnatter für 5€) auf den sich die Händler untereinander auf der Spirale abwärts begeben. Das führt dazu, dass nicht nur der Verkäufer seine Ausgaben für die (gute) Aufzucht nicht mehr decken kann, sondern das Tier mehr und mehr im Augen des Anbieters aber auch des neuen Besitzers an Wert verliert. Warum sollte jemand mit einer 5€ Kornnatter zum Tierarzt gehen? Makaber, aber für das Geld was der Tierarzt für die Behandlung nimmt bekommt man doch acht Neue.

 

Die Verfügbarkeit vieler Farben, Arten und Größen von Tieren ist auf den ersten Blick natürlich das Paradies für den interessierten Tierhalter: So viele Möglichkeiten! Viele gucken natürlich nur gerne und bewundern die schönen Tiere - für viele wird das Tier aber auch zum Sammelobjekt und Statussymbol. das führt zu schnellem Bestandswechsel und großen Beständen (Briefmarkenmentalität). Mit allen Konsequenzen für das Tier.


Nach der Börse steht der lange Heimweg an. Bei längeren Wegen steht oft noch eine Übernachtung im Hotelzimmer an bis das Tier dann im neuen Heim - hoffentlich schon mit artgerecht eingerichtetem Gehege - ankommt und dann mit viel Glück alle Papiere hat und bester Gesundheit ist.

 


Natürlich sind wir alle gegen eine Reglementierung der Exotenhaltung, aber...

Nein ich sympathisiere mit keiner fragwürdigen "Tierschutzorganisation" und finde deren Berichterstattung zum Großteil mehr als fragwürdig. Ich bin gegen willkürliche Einschränkung der "Exotenhaltung". Vivarianer sind sich einig: Wir wollen in unserem Hobby nicht eingeschränk werden udn schreiben uns Tiergerechte Haltung und Sachverstand auf die Fahnen. Trotzdem lassen wir offensichtliche Tierquälerei auf Börsen zu. Hier aufgeführte "Missstände" sind schlicht als Standard anerkannt - die meisten überleben es ja - ohne zu berücksichtigen, dass Tierleid unsd Stress sich bei sollchen Tieren oft sehr viel anders oder erst spät äußert.

 

Alternativen dank dem Internet

Wir unterstützen sie Börsen unserem Besuch obwohl jegliches Zubehör über das Internet bestellbar wäre, Tiertransporte oder Mitfahrgelegenheiten oft stressarmer sind für die Tiere als eine Übergabe auf Börsen und Zuhause vor dem Bildschirm oder am Telefon hat man alle Ruhe der Welt sich genau über die Neuanschaffung Gedanken zu machen, sich gut vor zu bereiten und einen guten Züchter mit eurem Traumtier zu finden.

 

Gibt es sie, die "gute Börse"?

Es gibt den ein oder anderen guten Ansatz eine Tier- und Menschen-gerechte Börse umzusetzen. Der beste Ansatz wurde leider von einem Konkurrenzen in die Aufgabe argumentiert (BEE). Momentan gibt es meines Wissens nach keine "gute" Börse in Deutschland, falls diese überhaupt umsetzbar ist. Es gibt aber durchaus einige gute Ansätze. Mehr dzau findet ihr zB. hier. Nicht jeder Aussteller kann auf Herz und Nieren geprüft werden und es finden sich immer Schlupflöcher für unseriöse Käufer und Verkäufer.

Ich möchte dort doch nur ein Tier abholen....
Leider fahren selbst die Börsenkritiker immer wieder hin, mich nicht ausgenommen. Besser als jeder Zoobesuch, viele nette Kontakte und Treffen mit Leuten, dazu ist eine "Übergabe" auf Börsen von Tieren sehr beliebt.
Diese Übergabe ist aber in der Regel nicht billiger noch stressärmer für das Tier als ein schlichter kleiner Tierversand. Deswegen werde ich in Zukunft solche Übergaben zu vermeiden versuchen.

Was können und wollen wir nun als Tierfreunde, Züchter, Halter und einfach Begeisterte nun tun?

  • keine Spontankäufe tätigen. Das gilt vor allem für unbekannte Quellen und euch unbekannte Arten aber auch für leicht zu haltende Arten wie Guppy, Nager oder Nattern. Auch diese arten haben hohe Ansprüche und aus unbekannten Quellen besteht immer eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass man sich Krankheiten in den Bestand holt.
  • Beim Börsenbesuch Missstände dem Veranstalter umgehend melden und oder beim Händler ansprechen. Es kann doch kein Problem sein vor Börsenstart jede Box kurz zu öffnen und Wasserschalen/Gurke oä. als Wasserquelle für das Tier bereit zu stellen. das Gleiche gilt für Verstecke.
  • Transportwege für Tiere möglichst kurz halten. Auch wenn es für euch möglicherweise preiswerter ist das Tier auf einer Börse einzusammeln, kann das bedeuten, dass ein Tiertransport oder eine Abholung möglicherweise zu bevorzugen ist.
  • Fühlt Verkäufern auf dem Zahn: Kennen sie sich mit der angebotenen Art aus? Können sie euch etwas über Eltern, Papiere und Krankheiten der Art sagen?
  • Macht bei Wirbeltieren immer, wirklich immer einen Abgabevertrag der genau dokumentiert mit welchen Angaben von welcher Quelle und in welchem Zustand das Tier übernommen wurde.
  • Meidet Börsen bei denen vorher klar ist, dass der Veranstalter nicht an Tierschutz oder menschenfreundlichen Bedingungen interessiert ist.
  • Schafft Treffpunkte für Tierfreunde unabhängig von diesen kommerziellen Börsen. Viel schöner ist doch eine privat organisierte kleine Vortragsreihe oder einfach nur zusammen grillen mit Vivarianergesprächen. Trennt Treffen weitestgehend von Börsen und Verkauf.
  • Vermeidet das Ausstellen auf Börsen. Produziert nur so viele Tiere wie ihr auch an Abnehmer abgeben könnt, die ihr vorher beraten und auf Seriosität "getestet" habt.
  • Wenn ihr ausstellt, gebt dem Käufer Abgabevertrag, Stammbaum, alles Nötige zum Schutzstatus der Art und Haltungsbedingungen ungefragt mit. Gebt euren Tieren Wasser und Versteckmöglichkeiten, vermeidet Stress, dass sie angefasst herumgereicht oder geschüttelt werden. Achtet auf Klasse statt Masse und wählt lieber eine Ausstellungsbox in einer Nr. Größer als nötig.
  • Informiert euch vor dem Tierkauf über Haltung, Art und seriöse Züchter. Nicht immer kann man jedes Tier sofort haben. Seid geduldig. Es lohnt sich mehr bei einem seriösem Züchter auf einen Wurf/Gelege mit eurem Traumtier zu warten als 10 Tiere auf Börsen zu kaufen die euren Vorstellungen nur Teilweise entsprechen
  • Tätigt keine Mitleidskäufe. Dem individuellem Tier ist damit geholfen, aber der Verkäufer wurde unterstützt und wird sein Vorgehen bei Tierhaltung und Verkauf nicht ändern.

Diese Beitrag spiegelt selbstverständlich nur meine eigenen, langwierigen Erfahrungen auf und um Börsen wieder. Natürlich gibt es nicht nur Schwarze Schafe unter den Ausstellern und sicherlich auch den ein oder anderen freundlichen Börsenmitarbeiter.

Habt ihr selbst Erfahrungsberichte, positive oder negative, zu Nager- Reptilien oder Fischbörsen? Wie fühlt ihr euch auf Börsen? Teil ihr meine Meinung und habt ihr evtl. Alternativwege gefunden für einen besseren Umgang mit den Tieren?


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